Katz & Maus, eine Begegnung in meiner Praxis

Text Katz und Maus

Katz & Maus, eine Begegnung in meiner Praxis

Podcast #4

 

Klara sitzt aufgebracht auf ihrem Stuhl. Sie wirkt aufgelöst, ihr stehen die Tränen in den Augen. Eben erzählte sie in der Paarsitzung, dass sie nicht mehr kann, sich vollkommen überfordert und ausgebrannt fühlt. Kim, ihr Mann, starrt vor sich hin, wirkt geknickt, etwas abgelöscht – entmutigt und innerlich leer, so scheint es. Folgendermassen könnte sich ein Gesprächsbeispiel einer Paarberatung in meiner Praxis darstellen:

Susanne (an das Paar gerichtet):
„Ihr beide habt vorhin beschrieben, dass es manchmal schwierig wird, einander zu verstehen. Lasst uns das genauer anschauen. Klara, du erzählst, für dich ist es enorm zehrend, Kim zu erreichen. Du kommst einfach nicht an bei ihm. Wenn du merkst, dass er sich zurückzieht, dann gibst du noch mehr Gas, oder? Dann merkst du jedoch, dass er nur noch mehr dicht macht, du spürst ihn gar nicht mehr, er weicht dir aus. Dann bleibst du alleine zurück, richtig? Magst du Kim kurz erzählen, wie es dir dabei geht, wenn du das Gefühl hast, dass er sich zurückzieht?“

Klara (leicht angespannt in seine Richtung):
„Es fühlt sich an, als ob ich dir egal wäre. Wenn du nicht mit mir redest oder einfach weggehst, dann habe ich das Gefühl, dass ich kämpfen muss, um überhaupt gehört zu werden. Ich werde dann wütend, ich gebe immer mehr Gas, aber eigentlich bin ich einfach nur verletzt.“

Susanne (sanft):
„Das klingt, als ob du dich in diesen Momenten wirklich sehr alleine und verzweifelt fühlst. Ist das richtig?“

Klara (nickt):
„Ja, genau. Es tut weh, wenn ich merke, dass ich dir nicht wichtig genug bin, um zu bleiben und mit mir zu reden. Dann fühle ich mich, als würdest du mich nicht lieben. Als wäre ich dir vollkommen egal. Ich könnte dann ebenso gut alleine leben.”

Susanne zu Kim:
„Wie ist das für dich, das jetzt zu hören? Was geht in dir vor?“

Kim (zögert):
„Es überrascht mich ein bisschen, sie so zu hören. Ich denke, ich ziehe mich zurück, weil ich nicht noch mehr streiten will. Wenn es laut wird oder du so wütend bist, fühle ich mich überfordert, und dann weiß ich nicht, was ich tun soll. Also gehe ich lieber weg, damit es nicht schlimmer wird. Weil, egal, was ich in der Vergangenheit gemacht oder versucht habe, es war immer falsch. Ich habe es immer nur noch schlimmer gemacht.”

Susanne zu Kim:
„Du möchtest den Streit vermeiden, um die Beziehung nicht noch mehr zu gefährden, aber für Klara fühlt sich das wie ein Rückzug von ihr an. Es klingt, als ob ihr beide etwas anderes erlebt. Kim, kannst du Klara sagen, was wirklich in dir vorgeht, wenn du dich zurückziehst?“

Kim (unsicher):
„Ich habe einfach Angst, dass ich es nur noch schlimmer mache. Ich fühle mich, als ob ich sowieso nicht gut genug bin, um das Problem zu lösen. Also denke ich, dass es besser ist, nichts zu sagen. Zu warten, bis der Sturm vorbei ist sozusagen.”

Susanne (sanft):
„Das ist wichtig. Du ziehst dich zurück, weil du Angst hast, dass du die Situation verschlimmerst, Kritik einsteckst und dich dadurch unzulänglich fühlst. Kannst du Klara das direkt sagen?“

Kim (wendet sich zu Klara):
„Ich ziehe mich nicht zurück, weil du mir egal bist. Ich weiß einfach oft nicht, was ich sagen soll, und habe Angst, dass ich alles nur schlimmer mache.“

Klara (überrascht):
„Das habe ich so noch nie gesehen. Ich dachte immer, du willst nichts mit mir zu tun haben, wenn du gehst.“

Susanne:
„Das ist ein wichtiger Moment. Ihr habt gerade angefangen, die Perspektive des anderen zu sehen. Es ist euer Tanz, der euch hindert, in Verbindung zu sein. Könnt ihr euch hier und jetzt gegenseitig sagen, was ihr euch wirklich wünscht, wenn solche Situationen entstehen?“

Klara zu Kim:
„Ich wünsche mir, dass du bleibst und mit mir redest. Selbst wenn es schwierig ist, hilft es mir, wenn ich sehe, dass du versuchst, bei mir zu bleiben. Dann muss ich nicht so verzweifelt bohren und komme mir nicht so mühsam und nervig vor. Und vor allem nicht so alleine – ohne dich.”

Kim zu Klara:
„Ich wünsche mir, dass du verstehst, dass ich nicht weggehe, um dich zu verletzen. Ich brauche manchmal einen Moment, um mich zu sammeln, aber ich will dich nicht im Stich lassen. Es tut mir leid zu sehen, dass du dann in den Momenten so alleine dastehst. So verzweifelt.”

Susanne:
„Das sind wundervolle erste Schritte. Ihr beide wünscht euch eigentlich das Gleiche: Nähe und Verständnis. Es fühlt sich vielleicht ungewohnt an, das so offen auszusprechen, aber genau das sind die Momente, die eure Verbindung stärken können. Je mehr solcher Momente ihr hier erlebt, desto mehr könnt ihr auch auf dieses verbindende Gefühl in eurem Alltag darauf zurückgreifen.”

Für viele Paare ist es extrem entlastend, in den Sitzungen zu bemerken – oder von mir gespiegelt zu bekommen –, dass sie nicht schuldig sind. Es ist nicht die Schuld des Verfolgers, dass er oder sie drängt, und es ist nicht die Schuld des Rückzüglers, dass er oder sie sich entzieht. Beide handeln aus einer tiefen emotionalen Not heraus. Diese Reaktionen sind zutiefst menschlich und sogar nachvollziehbar, wenn man versteht, wie sehr sie von der Angst angetrieben werden, den Partner zu verlieren oder nicht genug zu sein. Denn wie aus der Bindungstheorie hervorgeht, ist Emotionale Verbundenheit kein Luxus im Erwachsenenalter, sondern eine Notwendigkeit – genau wie bei Kindern. Sue Johnson erklärt in Hold Me Tight, dass unsere tiefsten Bindungen im Erwachsenenalter uns Sicherheit und Halt geben. Wenn wir uns in einer Beziehung verbunden fühlen, können wir unsere Verletzlichkeit zeigen und echte Nähe aufbauen und unsere Beziehung somit stärken und nähren.

Denn so legitim diese oben beschriebenen Verhaltensweisen unseres Paares auch sind, mit dem Blick durch die Bindungsbrille – sie hindern die Beziehung daran, den Weg aus dem ‚negativen Tango‘ zu finden. Wenn Paare erkennen, dass sie nicht gegeneinander arbeiten, sondern beide von einem unbewussten Schutzmechanismus gesteuert werden, entsteht eine spürbare Erleichterung. Sie können anfangen, sich nicht mehr gegenseitig zu beschuldigen, sondern den Fokus darauf zu legen, was sie verbindet: Nämlich ihre Sehnsucht nach Nähe und Sicherheit.

In diesem Moment beginnen Paare oft, ihren Tanz zu verändern. Der Verfolger lernt, seinen Schmerz und seine Angst zu kommunizieren, ohne Vorwürfe zu machen. Der Rückzügler erkennt, dass er sich sicher genug fühlen darf, um präsent zu bleiben, ohne Angst vor Verurteilung oder Überforderung. Es ist ein erster Schritt in Richtung eines neuen, liebevollen Rhythmus.

In diesen Sitzungen ist meine Rolle der Therapeutin von entscheidender Bedeutung. Als Vermittlerin schaffe ich einen Raum, in dem es möglich ist, sich wirklich zu hören – oft zum ersten Mal in der ganzen Beziehung. In einem sicheren, entschleunigten Rahmen können Paare anfangen, sich einander zuzuwenden und zu spüren, was unter den Schutzreaktionen liegt. Diese Momente des Verbindens sind nicht nur eine Entlastung, sondern auch eine Quelle der Stärke. Paare erleben, dass sie sich gegenseitig verstehen können, und oft entdecken sie dabei emotionale Bedürfnisse, die sie zuvor nicht bewusst wahrgenommen haben.

Diese Momente, in denen sich Paare wirklich sehen und hören, wirken oft noch lange nach der Sitzung nach. Sie können nach und nach beginnen, ihren ‚negativen Tanz‘ zu erkennen und in ihrem Alltag zu hinterfragen. Es sind diese kleinen, aber kraftvollen Veränderungen, die die Beziehung nähren und stärken, und die den Partnern helfen, auch zu Hause achtsamer miteinander umzugehen. Und immer wieder aufmerksam auf ihren negativen Tanz zu achten, und zu bemerken, wenn sie sich wieder darin verstrickt haben um dann den Ausstieg mittels entschleunigtem Aufeinanderzugehen zu erreichen.

Möchtest du mehr über die Emotionsfokussierte Paartherapie erfahren? Dann klicke hier auf den Link: Paarberatung, Paartherapie, Paartherapeutin EFT, Coaching

Zur Stärkung deiner Paarbeziehung lege ich dir diese Buchtitel von Sue Johnson nahe:
> “Halt mich fest”
> “Halt mich fest” – Arbeitsbuch

Nun wünsche ich dir und deinen Liebsten eine gute Vorweihnachtszeit.

Herzlich, Susanne

 

Blick in die Agenda

Infoabend, 12. März 2025, „Gelingende (Familien-) Kommunikation – Das Training“/Online

„Gelingende (Familien-)Kommunikation – Das Training“, Modul 1, Samstag 10. & 24. Mai 2025

„Gelingende (Familien-)Kommunikation – Das Training“, Modul 2, Samstag 13. & 27. Sept. 2025